Korruption in Familienunternehmen

Deutschlands Familienunternehmen werden gerne als Erfolgsmodell „made in Germany“ gefeiert. Sie genießen internationales Ansehen und haben das ökonomische Gewicht, um das Land sicher durch Krisenzeiten lenken zu können. Es wird sogar von einer neuen Kultur des Wirtschaftens gesprochen, die selbst der Korruption zu trotzen scheint. Korruptionsfälle, über die in Deutschland in den letzten Jahren berichtet wurden, fanden ausnahmslos in Nicht-Familienunternehmen statt. Vorfälle dolosen Handelns, Korruption oder Betrug gab es im Kontext von Familienunternehmen bisher offiziell nicht.

Dabei sind Familienunternehmen eigentlich „Intransparenzkünstler“: Sie sind wenig präsent in der medialen Berichterstattung und überlassen das Feld den börsennotierten Konzernen (Zeppelin University 2009, Studie zur öffentlichen Wahrnehmung von Familienunternehmen und anonymen Publikumsgesellschaften). Letztere sind gemäß dieser Studie viel transparenter als Familienunternehmen. Da Transparenz als Korruptions“killer“ gilt, dürften Familienunternehmen in dieser Hinsicht korruptionsanfällig sein.

Eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG aus dem Jahr 2010 liefert nun auch erste Anhaltspunkte, dass inhaber- oder familiengeführte Unternehmen sehr wohl von Wirtschaftskriminalität betroffen sind. Die Umfrageergebnisse zeigen sogar, dass der Datendiebstahl für diese Unternehmen ein größeres Problem darstellt als für Großunternehmen. So war in den letzten drei Jahren fast ein Drittel von ihnen hiervon betroffen, unter Großunternehmen war es „nur“ ein Fünftel. Ansonsten treten bei den inhaber- oder familiengeführten Unternehmen eher die klassischen Vermögensdelikten (Diebstahl, Unterschlagung, Untreue und Betrug) auf (57%). Die inhaber- oder familiengeführten Unternehmen sind jedoch auf eintretende Fälle und Verdachtsmomente nur schlecht vorbereitet.

Die Autoren der Studie betonen auf Grundlage dieser Ergebnisse daher folgerichtig, dass unterschiedliche Strategien zur Bekämpfung der in Familienunternehmen spezifisch anzutreffenden Risiken vermehrt entwickelt und eingesetzt werden sollten. Gleichzeitig weisen sie jedoch auch daraufhin, dass die in familiengeführten Unternehmen oftmals betonte und gelebte Vertrauenskultur erhalten bleiben sollte. Hier empfiehlt sich eine sensible Vorgehensweise.

Alles in allem genießen die Familienunternehmen jedenfalls einen ausgezeichneten Ruf. Prof. Dr. Birger P. Priddat von der Universität Witten/Herdecke hat sich mit Korruption in seinem im März erschienen Buch „Korruption als Ordnung zweiter Art“ näher beschäftigt. Priddat stellt dabei den Familienunternehmen in Sachen Korruption ein gutes Zeugnis aus: Sie lassen sich nicht verführen. „Denkt man nach, was Bestechlichkeit langfristig für das eigene Leben bedeutet, lohnt sie sich nicht. Korrektes Verhalten bedeutet schlicht, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte – Anstand, kurz gesagt.“

Kürzer lässt sich die wirksamste Maßnahme zur Korruptionsbekämpfung wohl kaum auf den Punkt bringen. Der etwas antiquiert klingende Begriff „Anstand“ wird in Familienunternehmen – neben einigen anderen Werten – vielfach noch gelebt. Beste Voraussetzungen also, um eine Vertrauenskultur zu etablieren bzw. zu erhalten. Einfache Maßnahmen der Korruptionsprävention, wie das Vier-Augen-Prinzip beispielsweise, sollten jedoch ebenso ergriffen werden.

Literatur:

M. Rohmberg (2009). Die Wahrnehmung der Wirtschaft in der Öffentlichkeit. Eine Studie von Zeppelin Universität und Stiftung Familienunternehmen, Stuttgart. With Stephan A. Jansen.

KPMG (2010). Wirtschaftskriminalität in Deutschland. Fokus Mittelstand. Köln.

B. Priddat/M. Schmid (2011). Korruption als Ordnung zweiter Art. Wiesbaden: VS Verlag.