Chancen und Grenzen der digitalen Lehre

Fotograf: Patrick Bauer

Die digitale Lehre ist eigentlich schon da. So ist jedenfalls die Karikatur von Heiko Sakurai aus der Berliner Zeitung vom 13. Oktober 2016 zu verstehen. Es zeigt einen Unterrichtsraum mit Schülern, die intensiv mit ihren Smartphones beschäftigt sind. Der Lehrer kommentiert dies, indem er sich an die Bundesbildungsministerin wendet und sagt: „Digitales Klassenzimmer, Frau Wanka? Ham wa doch schon.“

Nun ist natürlich richtig, dass durch die Smartphones das Wissen allgegenwärtig verfügbar ist. Die bisherigen Erfahrungen mit auf digitalen Medien beruhenden Lehransätzen oder auch technikgestützten didaktischen Lehrkonzepten zeigen jedoch deutlich, dass die digitale Lehre sowohl im Bereich Lernen und Lehren, Prüfen als auch Beraten mehr als die Einbeziehung von Smartphones zu bieten hat. Allerdings hat sie auch ihre Grenzen.

Die Software Adobe-Connect bietet beispielsweise die Möglichkeit des Unterrichts im virtuellen Klassenraum. Seit 2012 wende ich diese für Hochschulen kostenlose Software regelmäßig im englischsprachigen Unterricht an. Als Dozentin eines internationalen MBA-Studiengangs erschlossen sich mir die Vorteile eines virtuellen Klassenraums für die Studierenden aus allen Teilen dieser Welt sofort. Immense Reisekosten konnten mit dieser Art Fern-Unterricht gespart und doch eine gemeinsame Anwesenheit erreicht werden. Die Software ermöglicht das Hochladen von Power-Point-Folien, aber auch die Einbeziehung von Filmbeiträgen. Die anwesenden Studierenden können dann der Vorlesung visuell folgen, da sie nicht nur das vom Dozenten bereitgestellte Material sehen können, sondern auch den Dozenten selbst (sofern dieser dies zulässt). Die Studierenden haben die Möglichkeit sich auf verschiedene Weise aktiv einzubringen, indem sie einen Kommentar in den Chat schreiben, eines der dafür vorgesehenen Icons drücken (z.B. Hand heben = ich möchte etwas sagen oder applaudierende Hände = ich stimme zu/finde etwas gut) oder sich per Mikro in den Unterricht stimmlich einbringen.

In der Praxis einer Präsenzhochschule tritt die Notwendigkeit eines virtuellen Klassenraums jedoch weniger häufig auf. An Tagen, die gewöhnlich wenig besucht werden, (z.B. kurz vor Feiertagen), macht der Einsatz dieser Software auch an der HTW-Dresden Sinn, da sich die Studierenden von ihren Heimatorten einloggen können (und dies auch bereitwillig tun). Die Erfahrung zeigt auch, dass mit Adobe-Connect eine klassische Vorlesung sehr konzentriert durchgeführt werden kann.

Für interaktive Sequenzen ist diese virtuelle Lehre jedoch suboptimal. Der Einsatz von Adobe Connect an der HTW-Dresden hat u.a. gezeigt, dass die Studierenden eine große Scheu haben, sich mit ihrer Stimme online einzubringen. Icons und Chats werden zwar genutzt, aber für den Dozenten bringt es die Herausforderung mit sich, parallel zum Sprechen und bedienen der Technik auch noch die geschriebenen Beiträge der Studierenden im Blick zu halten. Aufschlussreich waren auch die anschließenden Kommentare der Studierende in der Evaluation. Als Ausnahme und Abwechslung wurde diese Art Online-Lehre akzeptiert, aber es wurde auch betont, dass sie sich bewusst für ein Präsenzstudium und gerade nicht für einen Online-Studiengang entschieden hätten.

Neue Tools der Online-Lehre sind folglich sorgfältig auf ihre Möglichkeiten hin zu testen, Wissen praxisnah zu vermitteln. Idealerweise tragen sie dazu bei, dass die Präsenzzeit im nicht-digitalen Klassenzimmer noch wertvoller wird.